Gespräch mit G. R. Baum

Ein "banales Einerlei der Vergabeshows"?
Gerhart R. Baum zieht Bilanz zu Potenzialen und Problemen der deutschen Preislandschaft.

Gerhart Rudolf Baum,geboren 1932 in Dresden, ist bis heute sowohl als Politiker wie als Rechtsanwalt u.a. für Menschrechtsfragen sowie Daten- und Verbraucherschutz eines der Schwergewichte im öffentlichen Leben Deutschlands. Von 1972 bis 1994 war er Mitglied des Deutschen Bundestages, von 1982 bis 1991 Stellvertretender FDP-Bundesvorsitzender, von 1978 bis 1982 Bundesminister des Innern und dort damals auch für Kulturfragen zuständig. Im kulturellen Bereich ist Baum u.a. als Vorsitzender des Fördervereins "Musik der Jahrhunderte" und seit 2005 als Sprecher des Kulturrates NRW ehrenamtlich tätig.
 

A. J. Wiesand: Herr Baum, Sie haben 1978 als Bundesinnenminister das erste "Handbuch der Kulturpreise" aus der Taufe gehoben. Im Vorwort schrieben Sie damals unter anderem: "Nur ein Künstler, der über ein Mindestmaß an wirtschaftlicher und sozialer Sicherheit verfügt, kann seine künstlerischen Fähigkeiten voll entfalten." Seitdem sind weitere Ausgaben des Handbuchs und nun auch dessen Internet-Version erschienen aus denen man entnehmen kann: die Zahl der Preise hat sich seit 1978 erheblich vermehrt, insgesamt um etwa das Dreifache. Zuviel des Guten, oder vielleicht nur Ausdruck wünschenswerter kultureller Vielfalt?

G. R. Baum: Meine Aussage vor über 30 Jahren gilt noch heute: Eine wirtschaftliche und soziale Grundsicherung zählt zu den Voraussetzungen dafür, dass jemand seine künstlerischen Fähigkeiten voll entfalten kann. Kulturpreise können zu diesem Ziel beitragen, einerseits durch Ermutigung, andererseits materiell, denn viele sind ja dotiert.

AJW: Auch der Kulturstaatsminister betont in seinem Begrüßungswort zu Kulturpreise Online, Preise seien "ein unentbehrliches Element der Förderung und Ermöglichung von Kunst und Kulturvermittlung."

G. R. Baum: Ja, das ist ein großes Wort und ich nehme einmal an, dass er dabei nicht primär an die Kulturfinanzierung dachte, zu der Preise ja nur eingeschränkt beitragen können…

AJW: …die Gelder die auf diesem Wege an Künstler, Autoren und andere Empfänger ausgeschüttet werden, lassen sich auf 1 bis höchstens 2% der öffentlichen Kulturausgaben schätzen…

G. R. Baum: …und ebenso wenig an die besonders wichtigen rechtlichen und politischen Rahmenbedingungen für künstlerische Arbeit, zu denen Bund, Länder, Gemeinden und auch die Europäische Union beitragen müssen. Die Kommunen sind da zur Zeit in einer besonders schwierigen Lage, speziell in Ländern wie Nordrhein-Westfalen, wo sie rund 80% der Kulturförderung bestreiten. Mit Preisen und Projektförderungen lässt sich hier nur sehr begrenzt etwas ausrichten, außer vielleicht beim Film, wo die Dotierungen traditionell viel höher sind. Ohnehin ist nach meiner Meinung diese materielle Seite meistens nicht das Wichtigste an einem Kulturpreis. Wichtiger ist die Anerkennung, die Ermutigung die damit zum Ausdruck gebracht werden soll und die bei der Verleihung zum Beispiel durch einen guten Laudator mit Öffentlichkeitswirkung deutlich ausgesprochen wird.

AJW: Diese öffentliche Aufmerksamkeit kann dem oder der Ausgezeichneten später zusätzlich helfen, sich im Kulturbetrieb besser zu platzieren oder wenigstens zu behaupten. Dafür gibt es in der Tat viele Beispiele.

G. R. Baum: Aber zurück zu der Ausgangsfrage. Bei der Kulturförderung müssen wir leider davon ausgehen, dass es eigentlich nie ein "Zuviel des Guten" gibt, aktuell ist ja eher das Gegenteil der Fall. Und tatsächlich hat sich die Kulturlandschaft in den letzten 30 Jahren ausdifferenziert, ist in Teilen auch vielfältiger geworden, wofür die Preise vielleicht als eine Art Indikator angesehen werden können. 
Problematisch kann die Sache dann werden, wenn sich die Preisstifter offensichtlich vor allem selber feiern möchten oder Veranstalter solche Auszeichnungen für vordergründige Zwecke instrumentalisieren wollen, der Künstler also in den Hintergrund gedrängt wird. Wie es Thomas Bernhard widerfahren ist: Er kommt in den Saal und es scheint, als ob ihn niemand dort erwartet hätte…

AJW: Davon zu unterscheiden sind wohl Auszeichnungen, bei denen es von vorneherein um ein bestimmtes Anliegen geht, das Stifter und Empfänger mit einander verbindet, eine "Botschaft" die beide gemeinsam in die Öffentlichkeit bringen möchten. Zum Beispiel stehen Sie als Empfänger des Erich-Fromm-Preises 2009 selbst in der Datenbank des Handbuchs, die jetzt im Internet monatlich von einigen Tausend Nutzern abgerufen wird. Man findet Sie dort gemeinsam mit früheren Preisträgern wie Jakob von Uexküll, dem Stifter des "Alternativen Nobelpreises", dem Theologen und Autor Eugen Drewermann, dem Liedermacher Konstantin Wecker sowie Heribert Prantl und Hans Leyendecker von der Süddeutschen Zeitung. Eine angenehme Gesellschaft?

G. R. Baum: Durchaus. Die Botschaft bei dieser Preisvergabe war ganz wichtig. Es ging dabei, kurz gesagt, um die sozialpsychologische Dimension der Bedrohung durch den Terrorismus. Warum und wovor haben die Menschen Angst? Haben sie vielleicht sogar "Furcht vor der Freiheit" (ein bekannter Buchtitel von Erich Fromm)? Auf jeden Fall habe ich es sehr begrüßt dass sich hier ganz andere Leute als Politiker, Richter oder Polizisten mit dem Terrorismus und seinen Begleitumständen befasst haben. Diese Ursachenforschung hilft auch mir selbst bei meiner Argumentation im politischen Tagesgeschäft. Übrigens gab es dazu auch einen Geldbetrag, den ich an eine Reihe von Institutionen weiterleiten konnte, die im gleichen Sinne etwa für den Datenschutz oder den Schutz der Grundrechte arbeiten und die solche Zuwendungen dringend brauchen.

AJW: Von der Anlage her sind Preise zwar meist auf unbestimmte Dauer gestellt, dennoch zeigt eine erste Bestandsaufnahme, dass es hier seit der letzten Handbuchausgabe vor rund 10 Jahren einige schmerzliche Einbußen gab: vor allem in der Musik, der Literatur und der Darstellenden Kunst wurden verschiedene Auszeichnungen eingestellt, in diesen Sparten ist ihre Zahl sogar insgesamt rückläufig. Ein weiteres Argument dafür, der qualitativen Seite der Medaille eine größere Bedeutung zuzumessen als der quantitativen?

G. R. Baum: Sicher, und es ist auch wichtig, solchen Trends nachzuspüren. Gut, dass mit den weiteren Handbuchausgaben und dem neuen Internet-Angebot dem wichtigsten Ziel der Initiative von 1978 weiter entsprochen wird, in dem komplexen Feld der individuellen Künstler- und Autorenförderung mehr Transparenz zu schaffen.
Übrigens scheint es hier eine Parallele zu den Stiftungen zu geben: Die Zahl der Kulturstiftungen hat sich in den letzten Jahrzehnten ja erfreulicher Weise ebenfalls deutlich ausgeweitet, aber eben nicht in allen Aufgabenfeldern gleichermaßen. Es ist für manche Geber offenbar noch immer schwierig etwas zu fördern, das weniger eingängig daher kommt, vielleicht sogar zu Kontroversen Anlass gibt. Einen Musikpreis an Anne-Sophie Mutter zu vergeben schmückt alle Beteiligten sehr, ein Komponist wie Helmut Lachenmann hat es da erheblich schwerer mit der öffentlichen Akzeptanz, um nur dieses Beispiel zu nennen. Es scheint als ob sich manche Stifter oder Juroren immer noch scheuen, in Gefilde vorzustoßen, die das Feld des Gewohnten verlassen, die einem breiteren Publikum fremd sind oder es sogar verstören könnten. Stiftungen und Preise sollten aber gerade das fördern, was es schwer hat und im allgemeinen Kulturbetrieb untergehen könnte.

AJW: Viele Preise werden ja inzwischen als medienwirksame Events gestaltet; dabei kann es durchaus passieren, dass die Schauspieler oder andere Promis im Umfeld einer Verleihung mehr öffentliches Echo finden als die eigentlichen Empfänger. Seit etwa zwei Jahrzehnten nimmt speziell die Zahl vor allem auf PR gerichteter "Medien-Awards" dramatisch zu; sie sind heute, wenn nach "Preiseinheiten" gezählt wird, schon die größte Preissparte, deutlich vor Film, Musik, Literatur oder Bildender Kunst. Eine gute Entwicklung?

G. R. Baum: Nein, überhaupt nicht! Ich habe immer das Gefühl, wenn ich mal in die Übertragung der Gala zum Deutschen Fernsehpreis reinschaue, dass sich hier die deutschen Fernsehfürsten und beteiligten Präsentatoren vor allem selbst feiern, sich also mit denen schmücken, die sie auszeichnen. Und das auch noch einen ganzen Abend lang zu bester Sendezeit in einem Ritual, das eher langweilt statt inhaltlich zu bereichern.

AJW: Dort wird es ab 2011 vielleicht Reformen geben. Trotzdem: Der Kulturbegriff hat sich deutlich ausgeweitet, nimmt jetzt viel mehr Formen der Unterhaltung und Show mit auf. Das beste und sicher auch tragischste Beispiel dafür war 2010 wohl die "Love Parade" in Duisburg, die zum offiziellen Programm der Europäischen Kulturhauptstadt RUHR 2010 gehörte…

G. R. Baum: …ich habe gar nichts gegen gute Unterhaltung, warum soll es nicht auch dafür Preise geben? Aber das ist hier gar nicht mein Thema: Es geht mir darum, dass bei Preisen für künstlerische Leistungen auch die damit verbundenen Herausforderungen deutlich werden sollten, dass man also neue Denk-, Hör-, und Sichtweisen herausstellt oder diese zumindest nicht im banalen Einerlei der Vergabeshows ertränkt.
Im Bereich der Musik könnte man als Beispiel für solche Banalisierungstendenzen die "Echo"-Preisverleihung nennen – im Grunde ist es ein Skandal, dass das öffentlich-rechtliche Fernsehen so etwas überträgt, denn bei diesem Event steht doch nicht die Qualität im Mittelpunkt, sondern es geht vor allem um PR für die Musikindustrie. Deswegen kommen ja auch manche Preisträger gar nicht mehr zu solchen Veranstaltungen oder lehnen den Empfang eines Preises schon im Vorfeld ab.

AJW: Man kann sich das jeweilige Umfeld von Preisstiftern, Jurys und Empfängern einer Auszeichnung als Preisträger ja in der Regel nicht aussuchen. Gibt es Preise, bei denen Sie mit der Annahme zögern würden?

G. R. Baum: Vielleicht würde ich im ersten Moment zögern, einen Medienpreis wie Bambi anzunehmen, obwohl die sicher nie auf den Gedanken kommen würden, ihn mir anzubieten. Wofür auch? Allerdings hat auch das zwei Seiten: Hans-Dietrich Genscher bekam 2010 einen "Millenium-Bambi" und nutzte die Verleihung zu einem flammenden Plädoyer für Europa als Schicksalsgemeinschaft. Durch die mediale Verbreitung dieser Verleihung hat er so ein Publikum angesprochen, das er sonst wohl kaum erreichen würde. Das halte ich für akzeptabel…

AJW: Noch eine letzte Frage: Wünschen Sie sich für die nähere Zukunft einen Preis, den es in dieser Form bisher noch gar nicht gibt?

G. R. Baum: Nicht unbedingt einen speziellen neuen Preis und eher einen Einstellungswandel bei den Verantwortlichen. Europa steht in einem Prozess der Globalisierung und muss daher viel stärker zum interkulturellen Dialog über Grenzen hinaus bereit sein. Das scheint noch nicht überall in der deutschen Preislandschaft angekommen zu sein. Und das betrifft nicht etwa nur die repräsentativen Großpreise – auch auf örtlicher Ebene müssen Grenzen überwunden, Fenster geöffnet und Abschottungen durch interkulturelle Verständigung vermieden werden. Das ist sicher für unsere Kultur insgesamt eine der größten Herausforderungen der nächsten Jahre.

AJW. Danke für das Gespräch!

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