KULTURPREISE WEITER IM AUFWIND

Kulturpreise weiter im Aufwind
Einige Sparten (u.a. Medien, Film, Architektur) haben seit 2000 erneut kräftig zugelegt, Darstellende Kunst, Musik und Literatur sind dagegen rückläufig
Ein erster Überblick zur neuen Datenerhebung von Andreas Joh. Wiesand
Die folgende tabellarische Übersicht fasst die Erhebungen für das neue Informationssystem Kulturpreise Online nach dem Stand von Anfang Februar 2010 zusammen und vergleicht sie mit früheren Druckausgaben des "Handbuchs der Kulturpreise". Zu berücksichtigen ist dabei, dass es sich hier um eine "Momentaufnahme" handelt, die in den kommenden Monaten aufgrund weiterer Rückmeldungen der für Preise und andere regelmäßige Fördermaßnahmen Verantwortlichen noch modifiziert werden könnte. Immerhin ist jetzt aber eine erste Einschätzung wichtiger Veränderungen möglich, die sich im letzten Jahrzehnt und sogar in den letzten 25 Jahren vollzogen haben. Weitere Auswertungen der Datenbank zu verschiedenen Einzelthemen, z.B. Zielgruppen, Finanzträger oder Förderetats, sind vorgesehen. Auch die traditionsreiche, von manchen mit Spannung erwartete "Preisträger-Pyramide" (Wer erhielt die meisten Preise in den letzten 10 Jahren?) soll nach Möglichkeit wieder erstehen – Voraussetzung ist allerdings auch hier, dass die gerade laufende Aktualisierung von Empfängernamen weiter ein so positives Echo unter den Auslobern findet.
 
Entwicklung der Zahl der Kulturpreise in den letzten 25 Jahren
 
1. Anzahl aktiver Preis-Haupteinträge
(sog. "Preisnamen")
2. Veränderung
in %
3. Sparten im "Handbuch der Kulturpreise"
4. Anzahl  aktiver "Preis­einheiten" (m. Unterkate­gorien, z.B. Förderpreise)
2010
2000
1985
2000-2010
1985-2010
2010*
In % (2010 = 100)*
420
421
205
-0,2
+104,9
Allgemein/Spartenübergreifend
542
12,1%
124
109
63
+13,8
+96,8
Architektur/Denkmalpflege
188
4,2%
328
317
161
+3,5%
+103,7
Bildende Kunst
460
10,2%
88
136
48
-35,3
+83,3
Darstellende Kunst
165
3,7%
127
129
61
-1,6
+108,2
Design/Fotografie/Kunsthandwerk
233
5,2%
174
140
59
+24,3
+194,9
Film
607
13,5%
358
394
212
-9,1
+68,9
Literatur
516
11,5%
318
222
68
+43,2
+367,6
Medien/Publizistik
859
19,1%
283
346
148
-18,2
+91,2
Musik
540
12,0
296
190
90
+55,8
+228,9
Sonstige (u.a. "Politische Kultur")
385
8,6%
2.516
2.404
1.115
+4,7
+125,7
ALLE SPARTEN
4.495
100%
Quelle: ARCult Media Datenbank "Handbuch der Kulturpreise", Stand Anfang Februar 2010
*) HINWEIS: Die aktuelle Kategorie "Preiseinheiten" ist mit den Angaben der früheren Druckausgaben des Handbuchs nicht direkt vergleichbar, weil für die Internet-Version differenzierte Auswertungen und damit auch Kategorisierungen möglich waren. Gleichwohl ist dieser Maßstab für die Beantwortung der Frage nach der Anzahl von Kulturpreisen im Grunde realistischer, weil sich unter dem "Dach" eines Preisnamens oft Auszeichnungen und Fördermaßnahmen mit recht unterschiedlichen Zielsetzungen verbergen können.
 
Der 25 Jahres-Vergleich (Handbuch 1985/Online-Version 2010) bei den gut 2.500 "Preisnamen" zeigt u.a.:
  • Die Zahl der Preise hat – offensichtlich vor allem in den 80er und 90er Jahren – in allen Sparten kräftig zugelegt, im Schnitt um gut 125%;
  • Die größten Zuwachsraten konnten seit 1985 die Sparten Medien/Publizistik, Sonstige (z.B. Kulturvermittlung, "Politische Kultur", "Soziokultur") und Film verbuchen;
  • Am schwächsten schneidet im 25 Jahres-Vergleich die Sparte Literatur ab, obwohl doch gerade hier die Klagen über eine "Preiseschwemme" in manchen Feuilletons am lautesten sind (vgl. "Autorenförderung? Hungert sie aus!", FAZ vom 30.4.2008).
Auch der 10-Jahresvergleich (Handbuch 2001 mit dem Stand von 2000 und Online-Version 2010) bei den Preisnamen unterstreicht überwiegend diese Ergebnisse:
  • Insgesamt fiel allerdings der Zuwachs mit knapp 5% weniger ins Gewicht als in den Jahren zuvor. Das hat in erster Linie mit recht unterschiedlichen Entwicklungen in den einzelnen Sparten zu tun:
  • Erneut liegen die Sparten Sonstige (mit über 50% Zuwachs) Medien/Publizistik (+43%), Film (+24%) sowie auch noch Architektur/Denkmalpflege (+14%) deutlich über dem Durchschnitt;
  • Dagegen gab es z.T. kräftige Einbrüche in der Darstellenden Kunst (-35%), bei den Musikpreisen (-18%) und auch in der Literatur (-9%).
Dass dies nicht unbedingt etwas mit dem tatsächlichen Umfang der Förderung oder mit den in der Öffentlichkeit registrierten speziellen Einzelvergaben zu tun haben muss, verdeutlichen die Angaben zu den rund 4.500 "Preiseinheiten" (mit früheren Zahlen der Handbücher nicht direkt vergleichbar).  Hier wird auch die Binnendifferenzierung der Preise, z.B. nach Haupt- und Förderpreisen oder Untersparten, berücksichtigt.
Bei dieser Art der Zählung fällt vor allem der weitere Aufstieg der "Medien-Awards" ins Gewicht: In der Vergangenheit machte die Sparte Medien/Publizistik kaum ein Zehntel der Preise aus, heute drängen große PR- und Marketing-Events bereits manche der traditionellen Journalistenpreise etwas in den Hintergrund. Bisher sind aus verschiedenen Gründen nicht einmal alle aus dieser Kategorie in der Datenbank verzeichnet (vgl. Was kann ein Kulturpreis schon bewirken?).
 
Die Frage drängt sich auf: "Qualitätsprämierung oder (nur noch) Show?" Oder lässt sich doch beides verbinden? Und wenn ja, wie sollten das Preise-Management und die Kommunikation bei Auszeichnungen und Förderungen dann künftig aussehen? Ein Thema für weitere Untersuchungen und Diskussionen auf dieser Plattform.
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