Der älteste deutsche Kulturpreis?

1852 wurde in Berlin der Schinkel-Wettbewerb ins Leben gerufen.

236 Arbeiten wurden beim Schinkel-Wettbewerb 2012 eingereicht, mehr als 500 Teilnehmer aus verschiedenen Teams haben sich in neun Disziplinen beteiligt: "… das beste Ergebnis der letzten 32 Jahre", wie die Juryvorsitzende Melanie Semmer festhält. 90 ehrenamtliche Jurymitglieder haben daraus die diesjährigen Preisträger in sieben verschiedenen Kategorien mit 13 Auszeichnungen ermittelt.

1852 wurde der Schinkel-Wettbewerb, dem "Stegreif-Konkurrieren" und "Monatsbewerbe" vorausgegangen waren, zum ersten Mal für Mitglieder des preußischen Architektenvereins zu Berlin ausgeschrieben, die "Auszeichnung" war zumeist ein Buch. Der Schinkel-Wettbewerb galt der Ehrung des 1841 verstorbenen großen Architekten, Denkmalpflegers und Malers Karl Friedrich Schinkel. An seinem Geburtstag, dem 13. März, werden bis heute die Preise beim "Schinkelfeste" mit einem großen Vortrag als Höhepunkt verliehen.

1824 gründeten 18 junge Absolventen der Berliner Bauakademie den Architektenverein, heute Architekten- und Ingenieur-Verein zu Berlin (AIV). Gründungsväter waren Eduard Knoblauch und Friedrich August Stüler. Mitglieder konnten sowohl beamtete als auch freiberufliche Architekten werden, unter ihnen Karl Friedrich Schinkel selbst (ab 1829), Gottfried Semper und später z. B. auch Walter Gropius.

Der Schinkel-Wettbewerb ist ein "Ideenwettbewerb, dessen Ziel es von Beginn an war, vor den eigentlichen Realisierungswettbewerben Zeichen zu setzen, Anregungen zu geben und mit möglichst spektakulären Ideen Aufmerksamkeit zu erzielen", schrieb die FAZ 2001. Oder wie es im Zwischenbericht zum AIV Schinkel-Wettbewerb 2012 formuliert wird: "Zwar geht es um einen Ideen- statt Realisierungswettbewerb, doch sollten die Arbeiten auch für die Formulierung prinzipieller Rahmenbedingungen für spätere Bauaufgaben geeignet sein."

Mit anderen Worten: trotz präziser Aufgabenstellung durch den AIV (2012: "Ideale Realitäten" – die Potsdamer Innenstadt beiderseits der Havel als Gestaltungsaufgabe) geht es nicht darum, den Ämtern die Arbeit abzunehmen, sondern sie mit Ideen auszurüsten, um bestmögliche Planungen in Gang setzen zu können. Insofern ist es auch nur logisch, dass sich der Wettbewerb im Laufe der Jahre von Architektur, Städtebau und Kunst auf Ingenieurwesen, Landschaftsarchitektur, Eisenbahn und Straßenbau, sowie explizit auch auf "Kooperation Architektur/Konstruktiver Ingenieurbau" ausgeweitet hat, also zur jeweiligen Aufgabenstellung spartenübergreifend kooperative Lösungsvorschläge erarbeitet werden sollen. Die Preisgelder, darunter traditionell ein Italien-Stipendium, werden von diversen Berufs- und Standesorganisationen, Vereinen und der öffentlichen Hand gestiftet.

Der Schinkel-Wettbewerb will insbesondere Berufsanfänger in den einzelnen Wettbewerbssparten fördern. Das hat zur Folge, dass sich die Preisträgerlisten nicht unbedingt wie das Who is Who der aktuellen internationalen Architektenelite lesen. Zwar können sich deutsche und internationale Teams oder Büros beteiligen, die Gestaltungsaufgaben konzentrieren sich aber traditionell auf Berlin und sein Umland. Doch wird man auch beim Schinkel-Wettbewerb fündig: Neben vielen anderen gewannen z.B. Ludwig Schupmann (1880), Hans Poelzig (1898), Christoph Mäckler (1979) oder David Chipperfield (1981) in ihren jungen Jahren den Wettbewerb.

So bleiben noch zwei Fragen offen:
•    Ist der Schinkel-Wettbewerb tatsächlich schon 160 Jahre alt? Und:
•    Handelt es sich hier wirklich um den ältesten deutschen Kulturpreis, der heute noch in Funktion ist?

Verantwortliche im Architekten- und Ingenieurverein zu Berlin haben zur ersten Frage offenbar eine eigene Entscheidung getroffen: Der diesjährige Wettbewerb ist nach ihrer Zählung der 157. und sie datieren seinen Beginn auf einem königlich-preußischen Akt von 1855. Damals wurden auf Weisung von Friedrich Wilhelm IV. die Schinkel-Siegerpreise vom Staat gestiftet, womit, wie es in einer AIV-Chronik heißt: "…der Wettbewerb in Gestalt eines hochdotierten Staatspreises eine bedeutende Aufwertung erfuhr."

Zur zweiten Frage: Welches ist die älteste – im weiteren Sinne kulturelle – Auszeichnung in Deutschland, die nach wie vor vergeben wird? Die Online-Ausgabe des "Handbuchs der Kulturpreise" kennt die Antwort: 1842 wurde der Orden Pour le Mérite gegründet – und 1853 der Bayerische Maximiliansorden für Wissenschaft und Kunst.

Aber wer will schon kleinlich sein, wenn wir beim Schinkel-Wettbewerb "nur" über den zweit- oder drittältesten unter den noch aktuellen deutschen Kulturpreisen reden? Vielleicht haben wir uns ja auch geirrt und es bedarf weiterer Aufklärung, z.B. durch die Leser dieses Beitrags…

Regina Wyrwoll

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