"Kultur als ob"

Stefan Weidner zur Preislandschaft und zum Remarque-Friedenspreis

Die umstrittene Verleihung des Erich-Maria-Remarque-Friedenspreises der Stadt Osnabrück an den syrischen Dichter Adonis (Foto) im Februar 2016 zeigt erneut die politische Brisanz von Kulturpreisen. In seinem Interview für KULTURPREISE findet Adonis-Übersetzer Stefan Weidner "durch Preise ausgelöste Kontroversen nicht schlecht" – zur Klärung von Sachverhalten und um die Ausgezeichneten bekannter zu machen...

Allerdings spart er auch nicht mit Kritik an gerade dieser Preisvergabe und an den unzureichenden Konditionen mancher Auszeichnungen.

Regina Wyrwoll: Eine erste Frage an den Autor und Übersetzer Stefan Weidner, der selbst Preise bekommen hat: Haben diese  Preise Ihr Leben verändert?

Stefan Weidner (Foto li.): Bei dieser Frage muss ich lachen. Die Antwort lautet: Sicher nicht. Preise sind schön, aber von wenigen Ausnahmen abgesehen nichts als besseres Taschengeld. Da die Preise zudem ja nicht regelmäßig kommen – auch hier wieder von Ausnahmen abgesehen, denn der Teufel scheißt bekanntlich gern auf den größten Haufen - und man mit ihnen also nicht rechnen kann, haben sie höchstens punktuell und kurzfristig auf das Leben Einfluss. Ich glaube also, dass Preise maßlos überschätzt werden, vermutlich von denen, die noch keine bekommen und die Erfahrung der Bedeutungslosigkeit der meisten Preise noch nicht gemacht haben.

R.W.: Nun gibt es ja Preise für alles Mögliche – auf unserem Portal sind mehr als 4.500 Einträge in allen Kultursparten gelistet und das sind noch nicht einmal alle, die in Deutschland existieren. Gibt es nach Ihrer Wahrnehmung wichtige und unwichtige Preise – und wenn ja, welche sind die „wichtigeren“?

St.W.: Ob ein Preis wichtig ist oder nicht hängt in der Regel nicht am Geld, sondern an der medialen Bedeutung des Preises. Alte, etablierte Preise (ich kann hier nur über die Literatur sprechen) wie der Büchner Preis oder der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels sind in dem Sinne bedeutend. Der viel höher dotierte Breitbach Preis dagegen nicht (was durch das Geld aufgewogen wird), und auch der Remarque-Friedenspreis hat in diesen Sinn kaum Reichweite und Bedeutung. Bei vielen Preisen könnte man geradezu sagen: Sie haben mehr Bedeutung für die auszeichnende Seite, für ihr Selbstverständnis und das Bild von sich, das sie vermitteln will, als für den Ausgezeichneten, der gleichsam nur das Wort ist, das der andere wählt, um sich damit schmückend zu beschreiben.

R.W.: Welche Gründe kann es dafür geben, dass Juryentscheidungen und damit die Preise selbst derart in öffentliche Diskussionen geraten wie jetzt die beabsichtigte Verleihung des Remarque-Preises an den syrischen Dichter Adonis?

St.W.: Im Prinzip ist es ja beabsichtigt, das Preise eine Öffentlichkeit und mediale Aufmerksamkeit bekommen. Da es zu viele gibt, ist das nur noch selten gewährleistet. Kontroverse Entscheidungen, seien sie absichtlich als solche getroffen oder nicht, können hier nachhelfen. Der Remarque-Friedenspreis dürfte selten solche Aufmerksamkeit bekommen haben, ja die wenigsten außerhalb Osnabrücks und Umgebung dürften ihn kennen. Auch der Hessische Friedenspreis, der durch die Verleihung an Navid Kermani (Foto re.), vor allem aber den später wieder zurück gezogenen Rückzieher in die Diskussion geriet, hat durch das Hin und Her bundesweite Aufmerksamkeit erregt. Ich glaube allerdings, dass diese Kontroversen selten wirklich beabsichtigt sind. Sie beruhen in der Regel auf der Unkenntnis des Werks des Ausgezeichneten und auf schlechter Kommunikation. Keiner in der Remarque-Jury zum Beispiel ist mit dem Werk von Adonis näher vertraut, keiner kann Arabisch und keiner kannte die Diskussionen um seine Haltung zum Syrien-Konflikt, als die Vorentscheidung für Adonis fiel. Erst dann wurden Infos eingeholt, und erst dann hat man sich bewusst für eine Kontroverse entschieden, was ja interessant sein kann, etwa wenn jetzt in den Feuilletons der Syrien-Konflikt einmal aus arabischer Sicht diskutiert wird. Dennoch stand am Anfang Unwissenheit und vermutlich einfach die gute alte „Islamkritik“, die Adonis bedient und von manchen Jurymitgliedern aus dem arabischen Zusammenhang gerissen hier als fortschrittliche Haltung verstanden wird, während sie – jenseits ihres Ursprungskontexts innerhalb der arabischen Welt, wo sie sinnvoll ist – bei uns nur fremdenfeindliche Vorurteile bedient.
Ich finde aber die durch Preise ausgelösten Kontroversen nicht schlecht. Dadurch klärt sich etwas. Und oft nützt es den angegriffenen Preisträgern, weil sie bekannter werden, wie jetzt Adonis oder früher Kermani, oder weil sie als Opfer wahrgenommen werden, wie bei Handke und dem Heine-Preis.  Insofern können Preise gesellschaftliche Katalysatoren und sinnvolle Diskussionsanlässe sein, können Preisstifter Debatten in die Wege leiten. Das ist etwas Gutes.

R.W.: Der Unterschied zwischen „politischen“ Auszeichnungen in der Kultur und vermeintlich rein „künstlerischen“ Preisen ist offenbar nicht immer trennscharf.  Kann das, muss das verändert werden, oder zeigt es nicht sogar, dass die Kultur nicht (notwendig?) abgehoben von den gesellschaftlichen Verhältnissen ihre Wertmaßstäbe entwickelt?

St.W.: Eine Preisverleihung als solche ist natürlich immer ein politischer Akt, zumal wenn ihr, anders als im Sport, eine Meinungsentscheidung vorausgeht. Es versteht sich, dass Übersetzerpreise dabei unpolitischer sind als Friedenspreise, auch wenn beide vielleicht literarische Leistungen auszeichnen. Aber wenn ich als Übersetzer von Adonis aus dem Arabischen einen Preis bekomme, ist selbst das ein politisches Zeichen: Man lenkt Aufmerksamkeit auf die literarischen Errungenschaften einer von vielen immer noch verachteten Kultur. Noch Reich-Ranicki sagte mir einmal auf einem FAZ-Empfang, als ich ihm sagte, dass ich aus dem Arabischen übersetze: Ach, die (Araber) haben doch nichts. Das würde heute, auch dank der Preise an mich oder an Adonis, niemand mehr sagen. Ärgerlich finde ich nicht die politische Dimension von Preisen als solche, sondern daß Leute oft unabhängig von der Qualität ihrer Arbeiten für ihre bloße politische Meinung oder Richtung ausgezeichnet werden oder oft auch einfach nur dafür, dass sie da sind, d.h. etwas repräsentieren, auf das man Aufmerksamkeit lenken möchte. Adonis bekommt den Remarque-Friedenspreis nicht für seine Literatur, die dezidiert Anti-Westliche, Anti-Amerikanische, und islamische Elemente erhält, wie man es von einem Araber auch erwarten würde (nicht aber von einem Islamkritiker, als der er missverstanden wird). Adonis bekommt den Preis für ein paar islamkritische Interviewäußerungen in westlichen Medien. Und das ist dann fast schon eine Beleidigung.
Und dann gibt es natürlich das Phänomen, dass große Künstler, die sich politisch nicht festlegen lassen oder deren Werk sich politisch nicht einspannen und umfunktionieren lässt, oft gar keine Preise bekommen, eben weil sie in diesem Spiel keine Funktion erfüllen.
Schlimmer als diese Form der Politisierung finde ich allerdings die Marktkonformität der meisten Preise. Nicht künstlerische Leistung wird ausgezeichnet, sondern Erfolg (auf dem Buch oder Kunstmarkt, o.ä.). Die Preise sind dann nur noch ein Nachzügler des ohnehin gehabten Erfolges. Das sind elendsten Preise, und zugleich die meisten. Zum Glück gibt es auch hier Ausnahmen – auch weil wir eben wirklich eine reiche Preislandschaft haben. Nur finden diese Ausnahmen zu wenig Aufmerksamkeit, Echo, bleiben oft unbedeutend.

R.W.: Man unterstellt doch gern, dass die Auslobung eines Preises oder eines Stipendiums eine gute Tat ist. Gibt es in der Preiselandschaft auch diese Unterscheidung: „Gut gemeint, ist schnell daneben“?

St.W.: Das trifft vor allem für Stipendien zu. Es gibt nichts billigeres, als ein Aufenthaltsstipendium für einen armen Poeten, der zur Strafe für seine Armut ein paar Monate für ein paar hundert Euro in einem Provinzbahnhof oder in Magdeburg verbringen muss. Tatsächlich schreibt Magdeburg so ein Stipendium aus: Sechs Monate dort einsitzen für 1200 Euro im Monat. Es gibt noch schlimmere Beispiele, aber nehmen wir nur einmal dieses: Nur Anfänger oder Gescheiterte können sich darauf bewerben. Die Aufenthaltspflicht reißt einen aus den sozialen Bindungen, die bei Künstlern und Autoren oft identisch sind mit beruflichen, sie müssen ihre Wohnung untervermieten (d.h. können nicht mehr zurück) oder sie aufgeben oder, wenn sie sie behalten, ist das Stipendium schon fast nichts mehr wert. Sie sollen dann etwas über Magdeburg schreiben, vielleicht, wie in der letzten Ausschreibung, die Bewerbung zur europäischen Kulturhauptstadt aufhübschen, nebenbei aber an ihrem sonstigen Werk arbeiten. Wenn man das alles ernst meinen und entsprechend kompetente Leute heranholen wollte, müsste man monatlich mindestens 4000 Euro zahlen. Aber das ist den Kämmerern dann zu teuer. Man könnte das die "Kultur des als ob" nennen. Sie besteht darin, den Eindruck zu erwecken, als ob man die Kultur förderte, während man in Wahrheit nur die Sozialhilfe zu einem Stadtschreiberposten umwidmet. Darüber kann ich mich aufregen.

R.W.: Stellen Sie sich vor, Sie könnten einen Preis ausloben: welche Kriterien würden Sie zugrunde legen?

St.W.: Ich würde das weitgehend Verkannte, Übersehene, Unterschätzte auszeichnen wollen – eben genau das, worauf man nicht verfällt, wenn man primär politisch, medial, marktkonform entscheidet. Ich würde die Literatur der kleinen Verlage suchen, die Kunst der kleinen Galerien. Ich würde die Autoren und Künstler auszeichnen wollen, die schon wissen, dass sie von ihrer Kunst nicht leben können, und die eben deshalb unabhängig genug sind, sich nicht an den Markt anzubiedern. Wobei das Problem hinzukommt, dass selbst eine relativ konforme Literatur, sofern sie anspruchsvoller ist, heute schon marginalisiert ist. Das ist aber nicht die Ausnahmestellung, die ich meine. Selbst die Literatur, die sich heute nur 5-10 Tausendmal verkauft, ist in der Regel konformistisch, Teil des literarischen Mainstreams, auch wenn dieser gesamtgesellschaftlich marginal ist. Aber diese Marginalität besserer Kultur insgesamt heißt nicht, dass ihre Erzeugnisse deshalb schon aus dem gewohnten Rahmen fallen, neue Perspektiven bieten. Sie ist oft nur gutes Handwerk. Mir ginge es stattdessen um die, die eine ästhetische und gern auch weltanschaulich-politische Vision jenseits des Bekannten, Gängigen, uns überall Begegnenden haben. Die die potentielle Vielfalt unserer Kultur und ihre unentdeckten Möglichkeiten und Keime repräsentieren, nicht die Einfalt dessen, was wir schon kennen und erwarten. Die etwas wagen.
Der Witz ist: Viele Preisstifter würden wohl sagen, dass sie das auch wollen. Aber am Ende tun es die wenigsten. Aus Feigheit, Konformität, aus Sicherheitsdenken und weil sie ja alle für ihre Preise etwas zurückbekommen wollen: Aufmerksamkeit. Und die bietet natürlich nur der Preisträger, der sie sowieso schon hat.

Stefan Weidner, geb. 1967, lebt als Autor, Islamwissenschaftler und Übersetzer in Köln. Seit 2001 ist er Chefredakteur der vom Goethe-Institut zweimal im Jahr in den Sprachen Arabisch, Englisch und Farsi herausgegebenen Kulturzeitschrift Fikrun wa Fann/Art&Thought (www.goethe.de/fikrun). Seine Essays, Buchkritiken und Reiseberichte erscheinen in der FAZ, DER ZEIT und der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG. Für seine Bücher hat er den Clemens Brentano-Preis der Stadt Heidelberg, den August-Wilhelm Schlegel-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und den Paul Scheerbart-Preis der Heinrich-Maria Ledig-Rowohlt-Stiftung erhalten. Seine Texte sind ins Arabische, Spanische, Englische, Französische, Persische, Polnische und Russische übersetzt. Stefan Weidner ist Mitglied im deutschen PEN-Club und Gründungsmitglied der Akademie der Künste der Welt in Köln. Anfragen für Lesungen, Vorträge, Moderationen und Seminare können an stweid.stefanweidner@gmail.com gerichtet werden.

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